Für eine Handvoll Kultisten

Ich war nie wirklich Feuer und Flamme für das Genre Western. Das lag daran, dass ich mir Serien wie Bonanza und Unsere kleine Farm mit meinen älteren Geschwistern ansehen musste. Karl May? War weder als Film noch Buch so meins. Die Geschichten fand ich absolut langweilig. John Wayne? Ich verstand nicht wie man einen gestriegelten in Modefarben gekleideten Cowboy in einem dreckigen Umfeld ernst nehmen konnte. Sicher, inhaltlich hätte es bares Gold sein können, alleine die Optik schreckte meine jugendlichen Augen ab. Und der Inhalt war ja auch allenfalls poliertes Messing.

Mit dem Italo-Western stieg dann meine Begeisterung. Clint Eastwood verkörperte nicht das Abziehbild eines reinen, rechtschaffenen Helden. Er war neutral bis neutral-gut auf der Gesinnungsskala. Er hatte Ecken und Kanten und verließ sich auf seinen eigenen moralischen Kompass; wesentlich näher an der Realität oder zumindest so, wie ich mir den Westen vorstellte.
Spiel mir das Lied vom Tod oder Die glorreichen Sieben (das Original!), erzählten gute Geschichten, die zeitlich und örtlich im Wilden Westen spielten.

Und da kommen wir zu einem Punkt, bei dem ich mich vielleicht etwas  aus dem Fenster lehne.

Dies ist ein Beitrag zum August Karneval der Rollenspielblogs. Ausgerichtet wird der 8. Karneval des Jahres von Zornhau, seinen Startbeitrag findet man hier, den Forenpost dort.

Der Startbeitrag von Zornhau zeugt nicht nur von seiner Begeisterung für das Thema, sondern auch von seiner Kenntnis. Ich hingegen freue mich zwar über einen guten Western, würde mich aber nicht als ausgesprochenen Fan betrachten und meine Kenntnis beschränkt sich nur auf Filme und Serien. Für mich lässt sich daher das Genre an zwei Merkmalen festmachen: Ort und Zeit.

Was definiert DEN Western? Viehbarone und Eisenbahntycoone, die für die besitzende Klasse stehen und willkürlich handeln? Indianer und Siedler, Wüsten und schäbige Holzbaracken, die für nichts anderes als den Konflikt zwischen Kultur und Natur, zwischen Zivilisation und Wildnis stehen? Auch der Revolverheld und der Sheriff ist nichts weiter als der Kampf Gut gegen Böse. All dies macht kein Genre aus. Diese Dinge sind Teil der Kultur des Menschen und haben ihre Wurzeln in den Theatern seit der Antike. Allerdings, und das muss ich wohl erwähnen, trenne ich das Genre von der historischen Wirklichkeit. Nichts was im historischen Wilden Westen geschah ist überdies bis dahin ohne gleichen gewesen. 200 Jahre zuvor rangen niederländische Siedler den südafrikanischen Ureinwohnern Land ab und gründeten Siedlungen. Der Unterschied ist wohl, das die USA ihre Ausweitung gen Westen gerne als Gründungsmythos verklärt, während die Niederländer ihrerseits ihr Gebiet an die Briten abtreten mussten.

Was den Western definiert, sind Cowboyhüte, Saloons und leichte Mädchen, die Cancan tanzen. Western in anderen Genres bedeutet also diese Elemente in andere Settings einzubauen. Da halte ich einige Genres besser für geeignet als andre und einige gar für absolut ungeeignet. Bei den ungeeigneten müsste man eher den umgekehrten Weg gehen, nämlich andere Genres in den Western verpflanzen.

Science Fiction ist ein gut geeignetes Genre für Western Elemente. Wie auch eine Zeichentrickserie meiner Kindheit verdeutlicht:

Steampunk ginge auch exzellent. Wobei hier nicht das eine im anderen Setting wäre, sondern eher ein Crossover. Beide Genres teilen sich größtenteils eine realweltliche Zeitlinie. Es wäre wie Wild Wild West, allerdings dürfte mehr Spaß beim Spielen als beim konsumieren des Films entstehen.
Ungeeignet halte ich persönlich das Western Setting in eine Fantasy Welt einzupflegen. Goblins mit Federschmuck, Helden mit Armbrüsten oder Feuerwaffen, ständige Besuche in Bordellen (Saloons)? Klingt nicht wirklich anders als ich auch so spielen könnte, wenn ich wollte, was ich nicht will.

Absolut ungeeignet halte ich Western Elemente in Horrorsettings einzubauen. Eher ist der andere Weg der richtige. Zombies in der Siedlung Tombstone oder Werwölfe in der Prärie.
Wie sollte ich Wild Bill in Transsilvanien erklären? Gut, er könnte mit seiner Wild West Show touren… Cthulhu wäre dann wieder ein Crossover, eben weil beide Zeitlinien zu dicht beieinander sind.

Die Vorstellung eines Cthulhu Westerns reizt mich bei dem ganzen Thema am meisten. Das liegt weniger am Western, als daran, dass es einige schöne Abenteuer für Cthulhu ermöglicht: Verborgene indianische Artefakte, das Verschwinden der Anasazi oder freigelegte Höhlen durch Goldsucher. Für eben diesen Aspekt des cthuloiden Rollenspiels gibt es die Regelergänzung Stirb aufrecht, Kultist!

Als kleine Empfehlung lege ich jedem der sich für die historischen Gegebenheiten interessiert, die Serie Deadwood ans Herz. Zwar werden reale Persönlichkeiten und Orte in eine fiktive Verbindung zueinander gesetzt, allerdings wird die Zeit und die Gesellschaft ziemlich genau dargestellt.

Für mich sind Filme wie Spiel mir das Lied vom Tod, Die glorreichen Sieben oder die Dollar Trilogie die Werke, die das Genre für mich definieren. Ob ich ein Rollenspiel allerdings in dieser Machart spielen möchte, ist wohl eher zweifelhaft.

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