Eine kleine Geschichte zum Rollenspiel

Artikel aktualisiert am 05.09.2017

Eigentlich hatte ich nicht vor diesen Artikel in der folgenden Form zu schreiben, er sollte etwas anders werden und er stand auch nicht ganz oben auf meiner Liste. Aber das ist ja das Schöne am bloggen: Man bleibt flexibel.

Vor ein paar Tagen begann ein neuer Monat und ein neuer Karneval der Rollenspielblogs. Ich habe den Startbeitrag geschrieben, noch einmal schnell drüber gesehen bevor ich ihn veröffentlichte. Später fielen mir dann ein paar Rechtschreibfehler auf, die ich korrigierte. Was mir nicht auffiel, war eine fragwürdige Formulierung. Fragwürdig deswegen, weil sie etwas als gegeben unterstellt, was nicht in meiner Kenntnis liegt.

Oder kennt Schlagzeilen wie gefährlich DSA für Jugendliche ist?

Ich habe DSA ausgestrichen und einen Platzhalter eingesetzt. Für den Hinweis danke ich Tagschatten. Ich will daraus auch keine große Sache machen, ich habe schon im Forum und unter seinem Kommentar geschrieben, dass ich dabei keine Hintergedanken hatte und ich nicht weiß, ob es solche Schlagzeilen gab. Warum ich DSA genannt habe? Ich wollte nicht immer auf D&D verweisen. Die Karnevalsteilnehmer spielen viele Systeme und ich habe gelernt, möglichst viele anzusprechen, wenn man viel Resonanz möchte. Ich hätte ebenso Shadowrun oder Cthulhu nennen können, mir ging es nicht um exakt diese Schlagzeile, sondern um eine derartige Schlagzeile und auch war es nicht auf Deutschland oder deutschsprachige Regionen beschränkt, wie es die Formulierung der Frage vermuten ließ, eben wegen DSA. Damit denke ich, dürfte die Sache in diesem Fall geklärt sein, wäre da nicht der Grund weswegen ich überhaupt auf die Jugendgefährdung als exemplarischen Vorwurf kam. Dass es in Deutschland in den Medien (Zeitungen, Bücher und Fersehen) in den 80ern und 90ern keine in der Form negative Berichterstattung über das Rollenspiel, Rollenspieler oder einzelne Systeme gab, kann ich allerdings widerlegen. Zumindest ein Artikel dürfte vielen Rollenspielern bekannt sein. Das es in den USA mannigfach stärkere Kritik gab, spielt eine gewisse Rolle.
Ich will hier nicht über die Qualität der Inhalte sprechen, es geht hierbei darum, dass es sie gab und es eine Meinung widerspiegelte, die durchaus nicht nur vereinzelnd existierte: Rollenspiele sind gefährlich.

 

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Vor sechs Jahren schrieb ich einen Artikel über die sogenannten Killerspiele. Das Ganze fand vor dem Hintergrund eines Amoklaufs und dem sogenannten Killer-Spiele Killer aus der Sendung Stern TV statt (Beitrag von Stern TV war derzeit nicht mehr zu finden bzw. habe ich einen besseren Beitrag von Stefan Niggemeier verlinkt). Ich hatte damals einen Bogen zum Pen&Paper geschlagen, weil ich eigentlich aufzeigen wollte, dass sich Geschichte reimt. Dabei gab es Ähnlichkeiten aber auch Unterschiede. Was aber auffiel, war das mediale Echo. Pen&Paper in den USA der 80er, Ego-Shooter im neuen Jahrhundert in Deutschland.

Die Geschichte

Am 9. Juni 1982 nahm sich Irving Pulling das Leben. Wenige Stunden vor seinem Tod soll er eine Runde D&D gespielt haben. Seine Mutter konstruierte einen Zusammenhang und war fest davon überzeugt, dass ein Fluch aus dem Spiel ursächlich für den Tod war. Ob sie dies im übertragenen Sinne meinte, sprich eine instabile Psyche bei ihrem Sohn vermutete und dieser dann zwischen Spiel und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden konnte, oder es tatsächlich so glaubte, kann ich nicht beantworten. Wichtig ist letztendlich auch nur, dass sie mit viel Medienwirkung einen Kreuzzug gegen D&D anfing. Der Todestag von Irving Pulling ist der Beginn der Schmutzkampagne gegen ein Hobby und reichte bis in die 90er.

Zuvor gab es etliche Selbstmorde von Jugendlichen, jeder ist tragisch, doch die Ursachen liegen wahrscheinlich nie in einem Spiel begründet. Ich möchte noch einen Fall herausgreifen. James Dallas Egbert III. Geboren und aufgewachsen in Dayton, Ohio besuchte er mit 16 das College. 1979, er war noch 16, verschwand er aus dem Wohnheim und wurde von der Polizei gesucht. Dieser Fall ist deswegen bemerkenswert, weil James Kommilitonen darauf hinwiesen, dass er Probleme mit dem Druck seiner Eltern hatte, er Drogen konsumierte und unter Depression litt. Doch wurde für das Verschwinden und seinen späteren Selbstmord D&D verantwortlich gemacht.
Als er einige Zeit später wieder auftauchte, konnte rekonstruiert werden, dass er in einem Tunnelsystem unter der Uni und mit Methaqualin im Blut (in dem Fall missbräuchlich verwendetes Malariamedikament) versucht hatte, sein Leben zu beenden.  Die Verbindung zum Rollenspiel kam dabei von Aussagen einiger anderer Studenten, die allerdings nur berichteten, dass einige Jugendliche das Tunnelsystem dafür nutzen würden, D&D eine Live-Komponente zu geben. Die Schlussfolgerung war für die Eltern und einem später hinzugezogenen Detektiv, dass D&D zum Realitätsverlust führt und auch für den Tod des Jungen verantwortlich ist. James starb an einer Entzündung einer Wunde, die er sich bei seinem dritten oder vierten Selbstmordversuch beigebracht hatte. Er wurde 17 Jahre alt.

Dieser Fall inspirierte Rona Jaffe zu ihrem Buch Mazes and Monsters, welches unter gleichen Titel für das amerikanische Fernsehen verfilmt wurde (Tom Hanks erste große Rolle). 1982 erschien er drüben und 1991 hatte er die deutsche Erstausstrahlung. Das Buch kenne ich nicht, es wurde auch nicht ins deutsche übersetzt, dafür habe ich den Film gesehen… mehrmals und ich mag ihn. Warum? Das wäre ein eigener Artikel. Allerdings rein filmisch ist er schlecht gemacht, inhaltlich ist der ganze Stoff mehr Fantasy als das Rollenspiel welches im Streifen gespielt wird. Der Film warnt nicht vor den Gefahren des Rollenspiels, aber liefert Bilder. Pen&Paper war zwar in Amerika sehr verbreitet, aber nur unter Jugendlichen. Eltern und besorgte Bürger sahen diesen Film und mussten sonst etwas denken, was in den Zimmern der Teenager vorgeht. Auch hierzulande.

Kommen wir aber zurück zu Irving Pulling bzw. zu seiner Mutter Patricia Pulling. Es ist verständlich, dass man nach dem Selbstmord seines Kindes nach Antworten sucht und vielleicht auch Schuldige ausfindig machen will. Jeder hat seine Art Trauer zu bewältigen. Im Fall Pulling versteifte sie sich darauf, dass Dungeons & Dragons ihren Sohn getötet hat. Sie gründete eine Initiative genannt BADD (Bothered About Dungeons & Dragons / Besorgt wegen Dungeons & Dragons). Sie warf dem Spiel (nur Auszugsweise) Hexerei, Voodoo, Satanische Rituale und Nekromantie vor. Untersützung fand sie bei den konservativen Christen in Amerika daneben scharrten sich besorgte Eltern und Angehörige verstorbener Teenager um sie. Aber auch wissenschaftlicher Beistand erfolgte in Form von Dr. Thomas Radecki, Gründer der Nationalen Koalition gegen Gewalt im Fernsehen. Die Glaubwürdigkeit dieses Mannes, der immer mal wieder negativ auffiel und derzeit im Gefängnis sitzt, wurde bereits 1985 leicht angekratzt, als er einen Brief aus dem Buch Mazes and Monsters als Beleg dafür anführte, wie gefährlich Rollenspiel sei.

Ein kleiner Ausschnitt aus 60 Minutes, CBS 1985

Patricia Pulling veröffentlichte auch Schriften, mit denen sie ihre Meinung verbreitete, meist hatten sie Flugblatt- oder Broschürencharakter, allerdings schrieb sie auch ein Buch The Devils Web welches in deutsch 1990 unter dem Titel Das Teufelsnetz (ISBN 978-3882248364) erschien und ihre Sichtweise zum Rollenspiel wiedergab.

Situation in Deutschland

In Deutschland war die Situation anders. Es wurde nicht in der Form wie in den USA über Pen&Paper berichtet. Mögliche Ursachen für die zurückhaltende Presse mag schlicht eine wesentlich geringere Verbreitung von Rollenspielen, geringere Selbstmordrate unter Jugendlichen in den 80ern in Deutschland, kein Einfluss von stark christlichen Gemeinschaften oder einfach ein anderes Verständnis von dem was ein Spiel verursachen kann und was nicht, sein. Was ich allerdings sagen kann ist, dass es in dem Blatt Erwachet! im Jahre 1982 anscheinend ein Bericht mit dem Titel „Dungeons and Dragons“ – ein gefährliches Unterhaltungsspiel gab. Erwachet! ist ein regelmäßig erscheinendes Blatt der Zeugen Jehovas, damals noch kostenpflichtig. Eine zweite Quelle für diesen Bericht konnte ich auf die Schnelle nicht ausfindig machen, persönlich halte ich die Seite jedoch für glaubwürdig. Der Artikel ist wohl eine Übertragung aus dem amerikanischen Schwesterblatt Awake!, zumindest fußt er auf der amerikanischen Ausgabe des Rollenspiels (D&D erschien erst 1983 auf deutsch). Die Vorwürfe gegen das Spiel sind ähnlich denen von Patricia Pulling.

Es gibt sicherlich noch mehr, ich füge in der Linkliste weitere mögliche Quellen an, die ich aber nicht gesichtet habe. Um auf den Anfang meines Post zu kommen: Das war die Intention meiner o.g. Frage, ob man derartige Schlagzeilen kennt, um einfach etwas über eine skurrile Geschichte des Rollenspiels zu berichten.

Linktipps und Linkliste
  • Der Pulling Report von Michael A. Stackpole aus dem Jahre 1990. Stackpole Autor und Spielentwickler und nahm sich 1990 der Casa Pulling an. Er fasste die Ereignisse im Pulling Report zusammen und ging auf einzelne Vorwürfe der BADD ein. Nur auf englisch abrufbar.
  • Fantasy-Rollenspiel – Gefahren und Chancen. Ein Vortrag von Dr. Jeannette Schmid, Uni Heidelberg (jetzt Frankfurt), für den Realschullehrerverband und der VHS Schwäbisch- Hall aus dem Jahr 1995. Dieser Vortrag ist sehr objektiv und sehr gut. Heute ist es mitunter schwer Quellen zu finden oder zu verifizieren, daher sind Schriftstücke aus der Zeit interessant, weil sie einen Einblick in die damalige Gegenwart gewähren.
  • The grat 1980s Dungeons & Dragons panic ist ein Bericht der BBC aus dem Jahre 2004. Eine Zusammenfassung der Ereignisse um BADD und ein Fall wie sich dies im UK auswirkte.
  • How We Won the War on Dungeons & Dragons von Annalee Newitz auf io9 aus dem Jahre 2014. Eine sehr persönliche Sicht auf das Thema von einer Spielerin der ersten Stunde.
  • Rollenspielstudien. Viele Quelle wurden hier über die Berichterstattung von Rollenspielen zusammengetragen, guter Ausgangspunkt für eigene Recherchen.
  • Drachen, D-Mark und Dämonen. Artikel aus der ZEIT aus dem Jahre 1984. Die großen Medien berichten recht neutral und gelassen über das Hobby. Danke für den Link an Greifenklaue.

3 Kommentare

  1. hallo,ich glaube du bist im bund mit dem satan,so wie du hier auf deiner diabolischen seite unreflektiert werbung für solch ein gotteslästerliches spiel machst,wehret den anfängen und lies die bibel,nur gott ist die erlösung!

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