Die Kunst des Horrors

Was ist Horror? Im Moment ist jegliche Nahrung, die fester als Möhrchenmus ist, Horror für mich. Weisheitszähne und so. Wir sagen schnell etwas ist der Horror und meinen damit, dass es unbequem, unangenehm oder lästig für uns ist. Aber wie definiert man Horror?

Horror ist kein Gefühl sondern im Fall der Literatur oder des Films ein Genre, in welchem bestimmte Gefühle hervorgerufen werden sollen. Meist der Angst oder Furcht aber auch des Ekels und der Abscheu. Es geht um Schockmomente und Gänsehaut. In der Realität kann man ebenfalls diese Horrormomente erleben, allerdings gibt es zur Fiktion entscheidende Unterschiede.

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Warum wollen wir uns ängstigen?

Bevor wir eine Horrorgeschichte lesen/hören, muss sie erst einmal geschrieben/erzählt werden. Was war also zuerst da: Die Angst oder der Erzähler? Vielleicht hat in der Steinzeit ein Mammutjäger eine Geschichte erzählt. Darin wurden seine Kollegen von einem besonders großen und bösartigen Mammut zermatscht, vielleicht war sie wahr oder eben nicht. Dies sollte Angst machen, nicht um seine Leute von pflanzlicher Nahrung zu überzeugen, sondern um ihnen den nötigen Respekt und Vorsicht bei der Jagd einzubläuen. Diese Art der Angstmache gab und gibt es bis heute. Ob das Jüngste Gericht, Hänsel und Gretel oder Bilder auf Zigarettenschachteln, alles soll einem ängstigen, um sein Verhalten zu ändern bzw. vorsichtiger zu sein. Dabei muss klar sein, dass diese Emotion gut ist, sie macht uns umsichtiger, ich schreibe nicht von krankhafter Angst oder Panik.

Daneben gibt es die Urangst vor dem Tod. Sie ist tief im Menschen verwurzelt und kann auch als Wunsch zu leben begriffen werden.
Säßen wir in einer steinzeitlichen Höhle und uns würde von diesem Mammut erzählt, würden wir uns unterhalten fühlen? Unwahrscheinlich, denn wir müssten in den nächsten Tagen raus und gegen das Tier antreten.

An einem verregneten Tag finde ich es zum Beispiel gemütlich, ein Heißgetränk zu trinken und aus dem Fenster zu schauen. Wäre ich draußen, wäre es nicht so angenehm. Erst eine Situation in der wir uns geschützt fühlen, lässt uns einen wohligen Schauer über den Rücken fahren. Die Vorstellung wie etwas sein könnte (gefährlich, bedrohlich, verletzend) und das Wissen, dass man sicher und geborgen ist, ermöglicht den Spaß an Horrorliteratur.
Im Prinzip nichts anderes als Achterbahn fahren oder Bungeejumping, wir lieben den freien Fall, weil wir wissen, dass wir nicht auf dem Boden landen. In der Psychologie bezeichnet man das als Angstlust und ist ein Kunstgriff, welcher schon in den Theatern des antiken Griechenlandes das Publikum fesselte.

Conrad Veidt in Der Mann, der lacht, 1928. Hinter manch grausiger Maske verbirgt sich nur schreckliches Leid.
Horror – Genre oder Stilelement

Die Frage, ob Horror ein Stilelement oder eine Gattung der Literatur oder des Films ist, lässt sich nicht so leicht beantworten. Ich habe zwar weiter oben geschrieben, dass Horror ein Genre ist, dies ist aber nicht einhelliger Konsens. Eine gängige Meinung ist, sofern das Werk darauf ausgelegt ist, seinem Rezipienten Angst, Schrecken etc. zu bereiten, handelt es sich um ein Genre. Ist die Haupthandlung eines Werkes nur von einem schaurigen Nebenstrang gekreuzt, gilt es als Stilmittel und nicht als Genre definierend. Klingt logisch. Dracula und Frankenstein sind klassische Horrorlektüre, während das reine Vorhandensein von Geistern oder übernatürlichen Elementen nicht reicht, um etwas dem Horror zuzuordnen, wie beispielsweise Das Geisterhaus von Isabel Allende.
Andere Auffassungen widersprechen dem völlig und treten für eine klassifizierungslose Bücherwelt ein. Denn Schelleys Frankenstein oder Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray können nicht bloß auf Monster und phantastische Gemälde reduziert werden, da die Geschichten einen tieferen Sinn haben. Auch dies ist richtig und wahr, dennoch hilft eine Einordnung bei der Suche in der Bibliothek.

Horror – Das Schmuddelkind

In Deutschland unterscheiden wir zwischen guter und schlechter Literatur und zwar anhand objektiven Kriterien. Zumindest wirkt die Einteilung in (profaner) Unterhaltungsliteratur und (anspruchsvoller) ernster Literatur so. Dabei zählen die Form der Sprache (gehoben ist gut, einfach oder vulgär ist schlecht) der Thematik (reales ist meist besser als fiktives) und Stilmittel (Kitsch und Stereotype gegen Kunst und Differenzierungen). Das ist ein Problem, denn ganze Genres werden von vornherein in bestimmte Schubladen gesteckt, weil, zugegebenermaßen, die Maße wenig Anspruch hat, allerdings trifft das auch auf die E-Literatur zu. Es wird mit zweierlei Maß gemessen und lässt ein nutzloses Paradigma zurück. Außerdem bringt es auch dem Leser nichts und nützt allenfalls einem akademischen Diskurs. Horror und andere Sparten der Literatur wie Science Fiction oder Fantasy finden daher in den Feuilletons der Tageszeitungen wenig statt. Man könnte meinen, wenn man über vermeintlich anspruchsvollerer Literatur exerziert, sei dies ein Zeichen besonderer Güte für das Blatt. Außerhalb des Landes der Dichter und Denker geht man andere Wege. Die Einteilung in Fiction oder Nonfiction zum Beispiel. Diese Aufteilung ist für den Leser wesentlich nützlicher, wenn es auch hier unter den Autoren Vergleiche gibt, wer denn nun die dicksten Bücher hat, im übertragenen Sinn natürlich. Allerdings sollte man erwähnen, dass es im Netz eine große Gemeinde begeisterter Leser gibt, die sich in Blogs, Foren oder Soziale Medien über ihr Lieblingsgenre austauschen.

Horror ist das dreckige Schmuddelkind, mit dem zu spielen, so scheint es, einigen verboten wurde. Ich mag allerdings dieses Genre ziemlich gerne. Es ist vielseitig, unterhaltsam und anspruchsvoll.
Fraglich ist aber überhaupt, ob die Feuilletons noch eine Relevanz für die Leser und den Buchhandel haben.

Die Protagonisten des Grauens
Ausgetretene Pfade

In der Literatur gibt es nur zwei Themen: Liebe und die Angst vor dem Tod. Das hat so oder so ähnlich Marcel Reich-Ranicki gesagt. Die Schauerprosa verarbeitet weniger die Liebe und beschäftigt sich mehr mit der Furcht. Dabei ist sie wandlungsfähig, greift alte Motive auf und passt sie an die jeweilige Zeit an. Ob Vampir oder der Schwarze Mann: Alles existierte bereits in der Antike. Im 18. Jahrhundert blühte das Genre auf und bekam neue Impulse. Doch schauen wir uns heute um, treffen wir häufig auf eine ganz bestimmte Art der Horrorliteratur. Mit dem Zeitalter des Films ist der Erfindungsreichtum ohnehin auf das neue Medium übergegangen.

Als Stephen Kings Erstling Carrie Mitte der 70er veröffentlicht wurde, begann eine neue Ära. Das Buch, wie so ziemlich jedes folgende Werk vom König des Grauens, wurde zum Bestseller. Auch die Verfilmungen liefen gut. Verleger und Filmproduzenten machten bald aus Kings Stil eine Bauanleitung für finanziell erfolgreiche Projekte. Nachwuchsautoren sahen in King, den Schriftsteller, dem es nachzueifern galt. In letzter Konsequenz führte dies zu einem uninspirierten Einheitsbrei. Dies sagt nichts über die Qualität von Kings Romanen aus, sondern nur, dass er ein Gigant ist, dessen Präsenz mitunter die Sicht auf wirklich gute Horrorbücher verdeckt.

Leseempfehlungen

Auf der Phantastik-Couch wird die Entwicklung der Horror Literatur beleucht. Daneben werden einige Subgeneres samt stilbildenden Werken vorgestellt.
Horror auf der Phantastik-Couch

Die Leipziger Lerche wirft ebenfalls einen Blick auf die Geschichte des Genres. Bei der Lerche handelt es sich um die Studentenzeitschrift des Studiengangs für Buchhandel und Verlagswirtschaft der Uni Leipzig.
Eine kurze Geschichte des Horror

Die Horror Writers Association hat einen wunderbaren Artikel veröffentlicht. Die Vorstellung, was Horror in unseren Tagen ist, wurde maßgeblich vom Schreibstil Stephen Kings geprägt, so die These.
Horror Writers Association – What is Horror Fiction?

 

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